• 14 August 2026 - 6:20 PM

Wie das Panopticon der KI-Überwachung die Regeln der Kriminalliteratur neu schreibt


Von Frank Landymore Veröffentlicht am 2026/08/10 10:51
Wie das Panopticon der KI-Überwachung die Regeln der Kriminalliteratur neu schreibt
August. 10, 2026
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KI-gestützte Flock-Kameras überwachen inzwischen jeden Winkel der Städte, während Datenbroker gigantische und detaillierte Dossiers über einzelne Personen an staatliche Behörden verkaufen – ganz zu schweigen von privaten Überwachungsnetzwerken, in denen Nachbarn mithilfe von Türklingelkameras bewusst oder unbewusst einander ausspionieren.

Dieses erschreckende Szenario ist zweifellos ein Albtraum für alle Verfechter des Datenschutzes. Gleichzeitig stellt es im Zeitalter des digitalen Panopticons jedoch eine außergewöhnliche Herausforderung für Autoren von Kriminal- und Thrillerromanen dar – und bereitet ihnen zunehmend Kopfzerbrechen.

Das Ende der klassischen Tricks

Die Zeiten sind unwiderruflich vorbei, in denen ein fiktiver Verbrecher einfach einen falschen Schnurrbart und einen Hut aufsetzen konnte, um seine Identität zu verbergen und der Strafverfolgung zu entgehen – oder seine Fingerabdrücke von einer Tatwaffe wischte und diese anschließend so zurückließ, dass die Tat wie ein Selbstmord aussah.

Um ihre Geschichten glaubwürdig und realitätsnah zu gestalten, müssen Krimiautoren mit der atemberaubenden Entwicklung moderner Überwachungstechnologien Schritt halten – ganz ähnlich wie ein professioneller Verbrecher. Wer die allgegenwärtige digitale Überwachung nicht in seine Handlung einbezieht, riskiert unweigerlich, das Vertrauen der Leser und damit die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte zu verlieren.

Samantha Downing, Autorin des Bestseller-Thrillers „Too Old for This“, betont dies in einem Interview mit der Mercury News: „Die Leser lassen Ihnen das nicht durchgehen. Wenn Sie eine Geschichte über einen Mordfall schreiben, müssen Sie all diese Dinge berücksichtigen. Ich persönlich versuche, sie zu meinem Vorteil zu nutzen, obwohl es einfacher wäre, wenn sie gar nicht existieren würden.“

In ihrem 2025 erschienenen Roman „Too Old for This“ macht Downing diese Spannung zum zentralen Element der Handlung. Die Protagonistin, eine 75-jährige Serienmörderin, unternimmt bewusst große Anstrengungen, sich den Möglichkeiten moderner Überwachung zu entziehen. So verdeckt sie beispielsweise ihr Kennzeichen, um dem landesweiten Netz von Kameras zur Kennzeichenerfassung zu entgehen.

Downing erklärt gegenüber der Zeitung: „Wenn sie im Begriff ist, eine Straftat zu begehen, lässt sie ihr Telefon zurück und hat sich einen kleinen Zettel hinterlassen, der sie daran erinnert: ‚Telefon liegen lassen‘ ... weil sie 75 Jahre alt ist und normalerweise Dinge vergisst.“

Technologie als zweischneidiges Schwert

Der Krimiautor Mark Coggins – ein ehemaliger Softwareingenieur bei namhaften Unternehmen des Silicon Valley wie Mozilla, Netscape und HP – nutzt dagegen seinen technischen Hintergrund, um zu untersuchen, wie dieselbe Technologie zur Begehung von Straftaten eingesetzt werden kann.

Coggins erklärt gegenüber der Zeitung, dass er in einem seiner Romane beschrieben habe, „wie ein Technologe einen anderen Technologen tötet und die Schuld mithilfe von KI-generierten Deepfakes einem Dritten zuschiebt“.

Zugleich äußert er große persönliche Bedenken hinsichtlich des möglichen Missbrauchs von Überwachungstechnologien gegen Demonstranten und Aktivisten. Er stellt sich ein künftiges Szenario vor, in dem ein mutiger Ermittler versucht, eine Person zu entlasten, die von digitalen Überwachungssystemen zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wurde.

Die Hinweise auf schwerwiegende Missbräuche dieser neuen Generation intelligenter Überwachungskameras mehren sich. Von der Washington Post dokumentierte Fälle zeigen, dass mindestens 50 Polizeibeamte in den Vereinigten Staaten beschuldigt wurden, Kennzeichenkameras wie das Flock-System missbraucht zu haben, um Frauen zu verfolgen und zu stalken.

Gerade diese Kameras sind inzwischen zu einem Brennpunkt öffentlicher Proteste geworden. Sie spiegeln das wachsende Unbehagen der Bevölkerung über die ausufernde Überwachung wider. Gleichzeitig zeigen kommunale Entscheidungsträger trotz massiven öffentlichen Widerstands eine bemerkenswerte Entschlossenheit, an dieser Technologie festzuhalten.

Coggins fasst das beklemmende Gefühl des modernen Panoptikums so zusammen: „Man hat das Gefühl, dass sich die Schlinge mit all diesen Entwicklungen langsam zuzieht.“

Doch für Autoren bleibt eine weitere, weniger spektakuläre, aber umso aufwendigere Herausforderung: Sie müssen kontinuierlich recherchieren, um die Funktionsweise dieser immer komplexer werdenden Überwachungssysteme wirklich zu verstehen.

Der Krimiautor Tim Maleeny zieht daraus ein entscheidendes Fazit. Gegenüber der Zeitung sagt er: „Als Autor muss man seine Hausaufgaben machen und kontinuierlich den Kontakt zu sachkundigen Experten suchen.“

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